Dieser Beitrag orientiert sich an aktuellen Hygieneleitlinien (KRINKO/RKI) und praxisüblichen Pflegestandards.
a) Injektionsarten (Applikationswege)
Injektionen werden nach dem Zielgewebe und der Geschwindigkeit der Wirkung unterschieden. Die wichtigsten Applikationswege in der Pflege und der medizinischen Versorgung sind:
- Subkutan (s.c.): Bei der subkutanen Injektion wird der Wirkstoff in das Unterhautfettgewebe verabreicht. Dadurch erfolgt der Wirkstoffübertritt langsamer und gleichmäßiger, beispielsweise bei Insulin, Heparin und einigen Impfstoffen.
- Intramuskulär (i.m.): Bei der intramuskulären Injektion wird der Wirkstoff in die Skelettmuskulatur verabreicht. Die Resorption erfolgt meist schneller als bei einer subkutanen Injektion. Beispiele sind viele Impfungen, Depot-Antibiotika und Analgetika.
- Intravenös (i.v.): Bei der intravenösen Injektion wird der Wirkstoff direkt in eine Vene und damit in die Blutbahn verabreicht. Dadurch tritt die Wirkung sofort ein und die Wirkstoffgabe kann gut gesteuert werden. Die intravenöse Gabe kann als Bolus, Kurzinfusion oder Dauerinfusion erfolgen.
- Weitere Applikationswege: Je nach Kompetenz und Delegation werden im Pflegealltag seltener auch intradermale (i.d.), intraarterielle, intraossäre, epidurale oder intrathekale Applikationswege eingesetzt.
b) Injektionen: Vor- und Nachteile
Vorteile
- Schneller und zuverlässiger Wirkungseintritt: Dies gilt insbesondere für intravenöse Gaben. Auch intramuskuläre Injektionen wirken häufig schneller als eine orale Gabe.
- Umgehung des Magen-Darm-Trakts: Injektionen können bei Erbrechen, Schluckstörungen, Resorptionsproblemen oder fehlender Möglichkeit zur oralen Gabe eingesetzt werden.
- Exakte Dosierung und gute Steuerbarkeit: Dies gilt insbesondere für intravenöse Medikamentengaben.
- Möglichkeit zur Depotwirkung: Bei bestimmten intramuskulären Depotpräparaten kann eine länger anhaltende Wirkung erreicht werden.
Nachteile und Risiken
- Invasivität: Injektionen können Schmerzen und Gewebeverletzungen verursachen. Zudem besteht ein Blutungsrisiko, insbesondere bei bestehender Antikoagulation.
- Infektionsrisiko: Bei Nichteinhaltung der hygienischen Anforderungen besteht das Risiko lokaler bis hin zu systemischen Infektionen.
- Medikationsfehler: Fehler bei der Medikamentengabe können unmittelbare Folgen haben, insbesondere bei intravenösen Anwendungen.
- Lokale Komplikationen: Möglich sind beispielsweise Hämatome, Phlebitiden bei intravenösen Gaben sowie Abszesse oder Nekrosen bei falscher Technik oder einem für den jeweiligen Applikationsweg ungeeigneten Wirkstoff.
- Berufliche Exposition: Für Pflegende besteht insbesondere das Risiko von Stichverletzungen und dem Kontakt mit Wirkstoffen.
Hinweis: Die konkrete Nutzen-Risiko-Abwägung hängt immer vom Wirkstoff, der Indikation und dem individuellen Patientenstatus ab.
c) Injektion vorbereiten (Checkliste)
Bevor eine Injektion vorbereitet wird, müssen Indikation, Kompetenz und Hygienestandard geklärt sein.
Prüfung und Planung
- Die ärztliche Anordnung bzw. Verordnung wird anhand des 5-R-Prinzips geprüft: richtiger Patient, richtiges Medikament, richtige Dosis, richtiger Applikationsweg und richtiger Zeitpunkt.
- Die Patientenidentität wird überprüft. Allergien und Unverträglichkeiten werden erfragt. Zudem sind die aktuelle Gerinnungssituation und eine bestehende Antikoagulation zu berücksichtigen.
- Der geeignete Applikationsweg und Injektionsort werden festgelegt. Dabei sind beispielsweise die Wahl des Muskels und der Zustand der Haut zu berücksichtigen.
- Die Patientinnen und Patienten werden über die Maßnahme informiert. Einverständnis, geeignete Lagerung und Wahrung der Privatsphäre werden sichergestellt.
Hygiene und Arbeitsschutz
- Vor der Materialvorbereitung wird eine hygienische Händedesinfektion durchgeführt.
- Der Arbeitsbereich wird bei Bedarf flächendesinfiziert und das Material sauber und übersichtlich abgelegt.
- Die Auswahl der persönlichen Schutzausrüstung (PSA) richtet sich nach dem jeweiligen Risiko. Handschuhe werden bei zu erwartendem Kontakt mit Blut oder Körperflüssigkeiten getragen. Bei Zytostatika und CMR-Wirkstoffen sind spezielle Schutzmaßnahmen erforderlich.
- Sichere, stich- und spritzgeschützte Entsorgungsbehälter werden griffbereit bereitgestellt.
Material bereitlegen (Beispiel)
- Medikament in der Originalverpackung und gegebenenfalls das erforderliche Lösungsmittel.
- Sterile Einwegspritze in passender Größe und sterile Kanülen. Gegebenenfalls wird eine separate Kanüle zum Aufziehen und eine weitere zum Injizieren verwendet.
- Hautdesinfektionsmittel, das für die jeweilige Anwendung geeignet ist, sowie sterile Tupfer.
- Pflaster bzw. Kompressen, Abwurfbehälter und Dokumentationsmittel.
Medikamentenprüfung
Vor der Anwendung werden Name und Konzentration des Medikaments, das Verfallsdatum sowie die Integrität der Verpackung überprüft. Dabei ist auch auf Trübungen oder Partikel zu achten.
Bei Mehrdosenbehältern wird das Anbruchdatum notiert. Die Lagerung erfolgt entsprechend den Vorgaben der Fachinformation.
d) Injektionslösung aufziehen
Ziel ist es, die Sterilität zu erhalten, das Expositionsrisiko zu minimieren und die korrekte Dosis sicherzustellen.
Vorbereitung
- Händedesinfektion durchführen und auf einer sauberen Arbeitsfläche arbeiten.
- Spritze und Kanüle aseptisch öffnen und die Kanüle sicher aufsetzen. Bei einem Risiko für Druckaufbau sollte ein Luer-Lock-System bevorzugt werden.
- Ampulle bzw. Fläschchen desinfizieren. Bei Fläschchen wird insbesondere der Gummistopfen desinfiziert. Die vorgeschriebene Trocknungszeit ist zu beachten.
Aufziehen aus einer Ampulle
- Den Ampullenhals mit einem Tupfer brechen. Dabei wird die Ampulle vom Körper weg geöffnet.
- Die Kanüle einführen, ohne die äußere Kanülenwand zu kontaminieren, und die Lösung langsam aufziehen.
- Luftblasen werden vorsichtig nach oben geklopft und anschließend aus der Spritze entfernt. Dabei wird ein Tupfer vor die Kanülenspitze gehalten, um Spritzer oder Aerosole zu vermeiden.
Aufziehen aus einem Fläschchen
- Die dem zu entnehmenden Volumen entsprechende Luftmenge wird in das Fläschchen injiziert, um einen Druckausgleich herzustellen.
- Das Fläschchen wird gedreht und die Lösung aufgezogen. Bei zähflüssigen Lösungen sollte langsam gearbeitet werden.
- Bei potenziell gefährlichen Wirkstoffen, beispielsweise Zytostatika, werden geschlossene Systeme bzw. Druckausgleichssysteme verwendet. Eine Aerosolbildung ist zu vermeiden. Überschüssige Flüssigkeit oder Tropfen werden mit einem Tupfer aufgenommen. Die Spritze wird anschließend sofort mit einer Kappe bzw. einem Luer-Lock-System verschlossen.
Nach dem Aufziehen
- Die Kanüle wird gewechselt, wenn sie beim Aufziehen kontaminiert wurde oder stumpf ist. Dies kann sowohl der Hygiene als auch der Schmerzreduktion dienen.
- Die Spritze wird mit Patientinnen-/Patientenname, Medikament, Dosis und Uhrzeit beschriftet und zeitnah verabreicht.
- Restmengen und Abfälle werden sicher entsorgt. Anschließend erfolgt eine Händedesinfektion.
e) Subkutane Injektion (s.c.)
Indikationen und Beispiele
Subkutane Injektionen werden beispielsweise zur Gabe von Insulin, niedermolekularem Heparin, einigen Impfstoffen und Biologika eingesetzt.
Geeignete Areale
Geeignete Injektionsareale sind die Bauchwand (außerhalb eines Bereichs von 2 cm um den Nabel), der laterale Oberarm, der vordere bzw. laterale Oberschenkel sowie der obere äußere Gesäßquadrant, sofern dieser vorgesehen ist.
Kanülenwahl
Die Auswahl der Kanülenlänge richtet sich nach der jeweiligen Anwendung und dem vorhandenen Fettgewebe. Bei Insulinpens werden beispielsweise kurze, dünne Kanülen von 4–6 mm verwendet. Bei Spritzen können je nach Fettgewebe Kanülen von 10–12,5 mm zum Einsatz kommen.
Durchführung (Kernschritte)
- Händedesinfektion durchführen. Handschuhe werden entsprechend dem individuellen Risiko getragen.
- Die Haut an der Einstichstelle wird desinfiziert. Die vorgeschriebene Einwirkzeit ist zu beachten.
- Bei Bedarf wird eine Hautfalte gebildet, insbesondere bei schlanken Patientinnen und Patienten sowie bei Kindern. Die Kanüle wird je nach Kanülenlänge und vorhandenem Fettgewebe in einem Winkel von 45–90° eingestochen.
- Langsam injizieren. Bei reizenden Lösungen kann gegebenenfalls kurz gewartet werden, bevor die Kanüle zügig entfernt wird.
- Nach der Gabe erfolgt bei Heparin keine Massage, da dadurch das Hämatomrisiko erhöht werden kann. Bei Insulin sind die jeweiligen Herstellervorgaben zu beachten.
- Nach der Injektion wird mit einem trockenen Tupfer Druck ausgeübt und bei Bedarf ein Pflaster angebracht. Das Material wird sicher entsorgt und anschließend eine Händedesinfektion durchgeführt.
Besonderheiten
Bei wiederholten Injektionen sollte ein Rotationsplan angewendet werden, um Lipohypertrophien zu vermeiden. Bei bestehender Antikoagulation kann eine längere Druckzeit erforderlich sein.
f) Intramuskuläre Injektion (i.m.)
Indikationen und Beispiele
Intramuskuläre Injektionen werden beispielsweise bei Impfungen sowie zur Gabe von Analgetika, Antibiotika und Hormon-Depotpräparaten eingesetzt.
Bevorzugte Muskeln bei Erwachsenen
- M. vastus lateralis (Oberschenkel): Dieser Muskel ist gut zugänglich und eignet sich für die intramuskuläre Injektion.
- M. deltoideus (Oberarm): Dieser Muskel eignet sich insbesondere für kleinere Volumina, beispielsweise bei Impfungen.
- M. gluteus medius (ventrogluteal): Dieser Bereich eignet sich für größere Volumina. Die dorsogluteale Injektion sollte aufgrund des Risikos für Nerven- und Gefäßverletzungen zurückhaltend eingesetzt bzw. vermieden werden.
Die Länge der Kanüle richtet sich nach Körperbau und Fettgewebe. Häufig werden Kanülen mit einer Länge von 25–38 mm verwendet. Der Durchmesser richtet sich unter anderem nach der Viskosität der Lösung.
Durchführung (Kernschritte)
- Händedesinfektion durchführen und das Material aseptisch vorbereiten.
- Den Injektionsort exakt lokalisieren und gegebenenfalls markieren. Die Haut muss intakt sein und darf keine Entzündung oder Verletzung aufweisen.
- Die Haut großzügig desinfizieren und die vorgeschriebene Einwirkzeit einhalten.
- Die Haut spannen und die Kanüle zügig im 90°-Winkel einstechen. Bei sehr schlanken Patientinnen und Patienten kann eine Anpassung der Technik erforderlich sein.
- Eine Aspiration ist nach aktueller KRINKO-Praxis bei intramuskulären Injektionen in der Regel nicht routinemäßig erforderlich. Bei speziellen Lokalisationen oder bei Verdacht auf Gefäßnähe kann sie dennoch erwogen werden. Die Vorgaben der jeweiligen Einrichtungs-SOP sind zu beachten.
- Langsam injizieren, insbesondere bei voluminösen oder reizenden Lösungen. Anschließend die Kanüle zügig entfernen und mit einem Tupfer Druck ausüben.
- Die Durchführung wird dokumentiert. Dabei werden insbesondere Injektionsort, Seite, Volumen, Medikament und Reaktion dokumentiert.
Komplikationen vermeiden
Durch eine korrekte Lokalisation des Injektionsortes können Nerven- und Gefäßverletzungen vermieden werden. Eine sorgfältige Hygiene reduziert das Risiko von Abszessen. Eine zu rasche Injektion oder ein ungeeigneter Applikationsweg kann zu Gewebereizungen führen.
g) Intravenöse Injektion (i.v.)
Hinweis: Intravenöse Gaben erfordern in vielen Einrichtungen eine spezifische Qualifikation bzw. Delegation und die Einhaltung strenger Hygienemaßnahmen.
Formen
Eine intravenöse Medikamentengabe kann als i.v.-Bolus, als Kurzinfusion oder als Dauerinfusion über einen venösen Zugang erfolgen. Als Zugänge kommen beispielsweise ein peripherer Venenkatheter oder ein zentraler Venenkatheter (ZVK) infrage.
Vorteile
Die intravenöse Gabe ermöglicht einen sofortigen Wirkungseintritt, eine exakte Steuerung der Wirkstoffzufuhr und die Verabreichung größerer Volumina.
Risiken
Zu den möglichen Risiken gehören Phlebitiden, Paravasate, Infektionen und Medikationsfehler mit schneller systemischer Wirkung.
Vorbereitung
- Der venöse Zugang wird auf Durchgängigkeit und mögliche Zeichen einer Phlebitis oder eines Paravasats überprüft.
- Die Kompatibilität des Medikaments mit der Trägerlösung und mit anderen laufenden Infusionen wird überprüft.
- Bei Zytostatika und CMR-Wirkstoffen werden geschlossene Systeme, geeignete Druckausgleichssysteme und spezielle persönliche Schutzausrüstung eingesetzt. Bei der Zubereitung kann eine Sicherheitswerkbank erforderlich sein.
Durchführung (Kernschritte)
- Händedesinfektion durchführen und den Zugangshahn bzw. Port unter Beachtung der vorgeschriebenen Einwirkzeit desinfizieren.
- Das System beispielsweise mit NaCl 0,9 % spülen. Dabei ist auf eine freie Durchgängigkeit sowie auf Schmerzen oder Schwellungen zu achten.
- Das Medikament langsam applizieren. Die Geschwindigkeit des i.v.-Bolus richtet sich nach den Vorgaben der Fachinformation. Während der Gabe wird die Patientin bzw. der Patient beobachtet.
- Nach der Medikamentengabe wird der Zugang nach den geltenden Vorgaben nachgespült, verschlossen bzw. wieder angeschlossen. Anschließend wird die Einstichstelle kontrolliert.
- Die Durchführung wird dokumentiert. Dabei werden insbesondere Zugang, Medikament, Dosis, Applikationsgeschwindigkeit und Verträglichkeit festgehalten.
Sicherheit
Bei Unsicherheit hinsichtlich der Verträglichkeit oder der Applikationsgeschwindigkeit wird die Gabe sofort gestoppt und eine ärztliche Klärung eingeholt. Bei einem Paravasat ist entsprechend der geltenden Standardarbeitsanweisung (SOP) vorzugehen.