Tinetti-Test

Was ist der Tinetti-Test?

Der Tinetti-Test, auch bekannt als Performance Oriented Mobility Assessment (POMA), ist ein bewährtes Verfahren zur Einschätzung des Sturzrisikos und der Mobilität, besonders bei älteren Menschen. Entwickelt wurde er in den 1980er-Jahren von der US-amerikanischen Physiotherapeutin Mary Tinetti.

Wann ist der Test sinnvoll?

Mit zunehmendem Alter steigt die Sturzhäufigkeit deutlich an. Menschen über 85 Jahre stürzen durchschnittlich doppelt so oft wie 70-Jährige. Der Tinetti-Test hilft, gefährdete Personen frühzeitig zu erkennen und ist daher vor allem in der geriatrischen Pflege und in der ambulanten Versorgung älterer Menschen relevant. Auch nach einem Schlaganfall oder bei Demenz kann er eingesetzt werden.

Wie läuft der Tinetti-Test ab?

Der Test besteht aus zwei Teilbereichen:

  • Gleichgewicht (max. 16 Punkte)
    z. B. Sitzbalance, Aufstehen, Stehbalance mit geschlossenen Augen, Rumpfstabilität, Drehung um 360°
  • Gang (max. 12 Punkte)
    z. B. Schrittlänge, Symmetrie, Schrittkontinuität, Gangabweichung, Beginn und Ende des Gehens

Insgesamt können 28 Punkte erreicht werden. Die Durchführung dauert ca. 10 Minuten und erfordert keine aufwändigen Materialien. Ein stabiler Stuhl und 3 Meter Platz reichen aus.

Wichtig!

Der Tinetti-Test darf auch mit Gehhilfen durchgeführt werden. Die Verwendung wird dabei dokumentiert.

Bewertung & Interpretation

Punktezahl (Gesamt)Bedeutung
25–28 PunkteGeringes Sturzrisiko
19–24 PunkteModerates Sturzrisiko
Unter 19 PunkteHohes Sturzrisiko
  • Diese Einteilung kann als grobe Orientierung dienen und sollte durch weitere Beobachtungen und Gespräche ergänzt werden.

Beispiel aus der Praxis

Herr Ali (79) lebt mit seiner Frau zu Hause. Die Pflegefachkraft des ambulanten Dienstes bemerkt, dass Herr Ali unsicher aufsteht und beim Gehen schwankt. Beim Tinetti-Test erreicht er 18 Punkte.
→ Das weist auf ein erhöhtes Sturzrisiko hin.

Wie zuverlässig ist der Test? - Qualität & Evidenz

  • Schnell durchführbar
  • Breit einsetzbar bei älteren oder neurologisch erkrankten Menschen
  • Hohe Zuverlässigkeit (Reliabilität) bei wiederholter Durchführung
  • Erkennt relevante Bewegungsdefizite und Gangunsicherheiten

Grenzen:

  • Weniger geeignet zur Verlaufskontrolle über längere Zeit (geringe Responsivität)
  • Für eine präzisere Einschätzung im Therapieverlauf eignen sich ergänzende Instrumente wie die Berg Balance Scale oder ein Timed Walking Test.

Fazit

Der Tinetti-Test ist ein bewährter, praxisnaher Funktionstest, um das Sturzrisiko systematisch einzuschätzen. Er unterstützt Pflegefachpersonen und Angehörige dabei, Risiken zu erkennen – und individuelle Maßnahmen zur Förderung der Mobilität zu planen.

Literatur

Tinetti, M.E. (1986): Performance-oriented assessment of mobility problems in elderly patients. Journal of the American Geriatrics Society, 34(2), 119–126.

Marks, D. (2006): Der Tinetti-Test – Sturzrisiko erkennen. physiopraxis, 4(2), 90–93.

Rubenstein, L.Z. (2006): Falls in older people: epidemiology, risk factors and strategies for prevention. Age and Ageing, 35(S2), ii37–ii41.

Autor:in

Maria Schmidtmüller

Studentin “Angewandte Pflegewissenschaft (B.Sc.)”

Stabsstelle Digitalisierung und Pflegewissenschaft, Universitätsklinikum Augsburg

Geprüft durch:

Stefan Wörner, B.Sc.

Zercur Pflegefachkraft Geriatrie

Universitätsklinikum Augsburg