Die Digitalisierung des Gesundheitswesens zielt darauf ab, medizinische und pflegerische Informationen sektorenübergreifend, strukturiert, interoperabel und sicher verfügbar zu machen. Eine zentrale Rolle spielen dabei sogenannte Informationsobjekte, die Inhalte standardisiert abbilden und den Austausch zwischen unterschiedlichen IT-Systemen ermöglichen.
Im deutschen Gesundheitssystem wurden hierfür die Konzepte der Medizinischen Informationsobjekte (MIOs) und der Pflegerischen Informationsobjekte (PIOs) entwickelt. Sie bilden die strukturelle Grundlage für einen interoperablen Datenaustausch, insbesondere im Kontext der elektronischen Patientenakte (ePA).
Die Entwicklung und Einführung von MIOs und PIOs ist eingebettet in eine umfassende Digitalisierungsstrategie des deutschen Gesundheitswesens. Maßgebliche gesetzliche Grundlagen bilden dabei:
Diese Gesetze verfolgen insbesondere folgende Ziele:
MIOs sind standardisierte, strukturierte digitale Datensätze, die medizinische Informationen einheitlich, maschinenlesbar und interoperabel abbilden (medizinische Informationsobjekte). Sie werden von der gematik koordiniert und in enger Abstimmung mit medizinischen Fachgesellschaften entwickelt [5, 6, 7].
Ziel: Sicherstellung eines semantisch eindeutigen, softwareunabhängigen Datenaustauschs.
Technische Basis:
Beispiele für MIOs:
MIOs ermöglichen es, relevante medizinische Informationen kontextbezogen, strukturiert und automatisiert zwischen unterschiedlichen Versorgungseinrichtungen zu übertragen.
PIOs übertragen das Prinzip der MIOs in die pflegerische Versorgung (pflegerische Informationsobjekte). Ziel ist es, pflegerische Informationen standardisiert, interoperabel und sektorenübergreifend nutzbar zu machen [8, 9].
Ziel: Verbesserung der pflegerischen Kontinuität, Qualitätssicherung und Entlastung durch strukturierte digitale Dokumentation.
Zentrale PIO-Konzepte:
Aktueller Entwicklungsstand:
Die Entwicklung von PIOs verläuft deutlich langsamer als bei MIOs. Eine erste Referenzimplementierung wurde im Rahmen des Forschungsprojektes CARE REGIO [10] umgesetzt. Das Teilprojekt 3 des Forschungsverbundes CARE REGIO hat sich zum Ziel gesetzt, den Datenübertragungsprozess von pflegerelevanten Patientendaten im Rahmen einer Patientenüberleitung von einer Pflegeeinrichtung in eine andere zu digitalisieren und zu optimieren. In diesem Teilprojekt arbeiten die Technische Hochschule Augsburg [11], das Universitätsklinikum Augsburg [12] und zwei kooperierenden Pflegeeinrichtungen in Augsburg zusammen an der Konzipierung und Implementierung eines PIO-ULB Editors. Der Editor ist eine der ersten nutzbaren Implementierungen des PIO-ULB Standards überhaupt.
Der Editor soll PIO-ULB Dateien standardkonform generieren und importieren können. Ein nutzerfreundliches User Interface erleichtert dem Pflegepersonal das Arbeiten mit dem neuen Standard. Beim Import von PIO-ULB Dateien wird die Datei auf Konformität zum Standard validiert. Der PIO-ULB Editor kann auf folgender Seite selbst ausprobiert werden: pio-editor.de
Mehr Informationen über den PIO-ULB Editor und dessen Entwicklung sind auf der FAQ Seite zu finden [13].
MIOs und PIOs basieren auf dem internationalen Standard HL7 FHIR (Fast Healthcare Interoperability Resources, [14]). Dieser erlaubt:
Durch FHIR wird der Austausch von Gesundheitsdaten systemunabhängig, skalierbar und zukunftsfähig gestaltet – eine entscheidende Voraussetzung für KI-gestützte Anwendungen, Entscheidungsunterstützungssysteme und sektorübergreifende Versorgungsprozesse.
FHIR gibt die genaue Struktur der XML-Datei vor [15]. Die Stammdaten eines Patienten können zum Beispiel wie folgt im XML-Format abgebildet werden:
Abbildung 1: Struktureller Aufbau des Patienten-Bausteins auf simplifier.net 11
Ein konkretes Anwendungsbeispiel könnte in Zukunft wie folgt aussehen:
| Anna hat sich schon seit einigen Jahren eine persönliche elektronische Patientenakte (ePA) eingerichtet. Die Patientenakte wurde automatisch von ihrer gesetzlichen Krankenversicherung angelegt. Über eine App kann sie ihre persönlichen Gesundheitsdokumente einsehen. Vor zwei Jahren hat sie bei ihrem Hausarzt Auffrischungsimpfungen bekommen. Die Impfungen wurden von ihrem Hausarzt in den elektronischen Impfpass (= ein MIO, das in ihrer ePA gespeichert ist) eingetragen. Außerdem nimmt Anna regelmäßig Medikamente. Der verschreibende Arzt hat die Verabreichungs-informationen als MIO-Medikationsplan in ihre ePA hochgeladen. Weiterhin hat ihr örtliches Krankenhaus mehrere Röntgenbilder von ihrer gebrochenen Rippe und dessen Heilungsprozess vor zwei Jahren also MIO-Bildbefund in ihrer ePA gespeichert. Seit einigen Wochen spürt Anna ein tiefes Stechen in ihrer Brust und sucht einen neuen Hausarzt auf, weil sie vor wenigen Monaten in eine neue Stadt gezogen ist. Über eine App erteilt Anna ihrem neuen Hausarzt eine Zugriffsberechtigung auf ihre ePA. Der Arzt kann sich nun ein umfassendes Bild von Annas Gesundheitszustand und ihren früheren Erkrankungen machen. Der schnelle und umfassende Informationsaustausch durch die ePA ermöglicht letztendlich eine zielgerichtetere und bessere Behandlung. Auf Kopfdruck kann der Arzt alle Informationen aus Annas ePA in sein hauseigenes Verwaltungssystem importieren. Ein manuelles Anlegen einer neuen Patientenakte für Anna ist nicht mehr nötig. |
Prof. Dr.-Ing. Alexandra Teynor
Institutsleitung THA_ias
Technische Hochschule Augsburg